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Unabhängiges Gremium nimmt sich der Probleme aus dem Bereich Psychiatrie an (Gießener Anzeiger, 30.03.2017)

BeschwerdestelleAnzeiger

Das Trialogische Team der Beschwerdestelle Psychiatrie im Landkreis Gießen stellte sich und die Einrichtung vor. Mit dabei auch Gesundheitsdezernent Hans Peter Stock (4.v.l.)

Foto: atb

Unabhängiges Gremium nimmt sich der Probleme aus dem Bereich Psychiatrie an

KREIS GIESSEN - (atb). "Beschwerden sind ein Beitrag zur Verbesserung", so lautet das Motto der neuen "Unabhängigen Beschwerdestelle Psychiatrie im Landkreis Gießen". Worum es geht, erklärte Marco Auernigg, Psychiatriekoordinator des Landkreises im Landratsamt.


Es gehe letztlich um eine niedrigschwellige Möglichkeit, Kritik anzubringen. Manfred Haas, Mitglied der Gruppe der Psychiatrie-Erfahrenen, erklärte, dass es bei psychisch Erkrankten häufig Hemmungen gebe. Wenn man gerade "richtig krank" sei, habe man an einer Beschwerdestelle allerdings kein Interesse. Später jedoch schon. Irmtraud Junker von der Angehörigengruppe Mittelhessen ergänzte, dass die Beschwerdestelle aber auch von Mitarbeitern etwa von Kliniken genutzt werden könne. Zum selben Thema sagte Elisabeth Weißler-Mahlke: "Betroffene und Angehörige trauen sich oft nicht Ärzte anzugehen, zu sagen, was ihnen nicht gefällt. Da bestehen Ängste." Die Beschwerdestelle sei da etwas ganz anderes. Man könne in einer guten Atmosphäre auf den Betroffenen zugehen und etwas fragen.
Jochen Schlenzig von der Gruppe der Psychiatrie-Erfahrenen Laubach erläuterte den weiteren Verlauf nach der Beschwerde. Diese gehe zunächst per Mail oder über Anrufbeantworter ein, Sprechzeiten gebe es nicht. Regelmäßig werden dann die Klagen während Treffen der neun Mitglieder besprochen. "Wir nehmen außerdem", so Schlenzig, "mit dem Beschwerdeführer Kontakt auf. Dann besprechen wir das Vorgehen mit der Person. Eventuell gibt es einen gemeinsamen Termin oder wir versuchen, zu vermitteln."
Beispiele für Beschwerden nannte Horst Mathiowetz vom Förderverein für seelsische Gesundheit, Leitung Betreutes Wohnen. So könnte es Klagen über angewendete Gewalt oder Zwang und auch über medikamentöse Vergabe geben. Manchmal werde kritisiert, dass Betreuer zu selten oder zu wenig da seien, oder dass das Verhalten bei Hausbesuchen nicht adäquat sei. Gefühlte Übergriffe könnten Kritikpunkte sein oder wenn die Eigenständigkeit Betroffener nicht gewertschätzt werde. Es gebe immer noch häufig das Bild, dass die Profis besser wüssten, was den Menschen helfe, als die Menschen selbst.
Den Profis solle die Einrichtung ebenfalls dienen. Man brauche ein Beschwerdemanagement, meinte Horst Mathiowetz. Häufig liefen Beschwerden über einen Dritten. Auch bei ambulanten Diensten laufe zudem nicht immer alles rund. Man brauche eine unabhängige Einrichtung.

Man wolle, so erklärte Auernigg weiter, mit der Einrichtung nicht nur einzelnen Personen weiterhelfen, sondern auch die Strukturen im Landkreis diesbezüglich verbessern. Er selbst, so Auernigg, sei als Psychiatriekoordinator nur beratendes Mitglied. Er machte darauf aufmerksam, dass die Einrichtungen keine Rechtsberatung anbiete.
Die Idee sei von einer Gruppe von Menschen mit Psychiatrieerfahrung schon vor einigen Jahren entwickelt worden. Mehrere Teilnehmer der Gruppe, außerdem Mitglieder der Angehörigengruppe Mittelhessen, die eine solche Beschwerdegruppe ebenfalls seit einigen Jahren fordert, und Vertreter professioneller Einrichtungen waren anwesend und bilden, teilweise ehrenamtlich, das Team der Beschwerdestelle.
Die AG Psychiatrie des Beirats für Menschen mit Behinderung des Landkreises Gießen griff dann die Forderung auf. Eine "Trialogische Zusammensetzung" ist das Stichwort. Das heißt, so Auernigg, eine Beschwerdestelle solle sich grundsätzlich aus Mitgliedern der oben genannten drei Gruppen zusammensetzen. Der Landkreis sei nicht Träger, biete aber die Infrastruktur an, so Auernigg. Dazu gehören etwa Telefon, Mailbox, Treffpunkt oder Aktenablage.

Er wisse allerdings schon, dass Betroffene nach wie vor Vorurteilen ausgesetzt seien, denen es zu begegnen gelte. Von
einer Wahrnehmungsverschiebung in den Medien spricht in diesem Zusammenhang Horst Mathiowetz, Leiter des Betreuten Wohnens im Förderverein
für seelische Gesundheit. So tauchten zum Beispiel Menschen, die unter einer Psychose leiden, nur dann medial auf, wenn sie etwa eine Straftat begangen hätten. Dieser negativen Verengung müsse mit Öffentlichkeitsarbeit entgegengetreten werden, so der Leiter, der eine andere öffentliche Wahrnehmung von Menschen mit psychischer Erkrankung einfordert. Auch dafür setzt sich der „Arbeitskreis Psychiatrie Erfahrene“ ein. Wer mitdiskutieren will, ist eingeladen und kann beim nächsten Treffen am 20. Januar um 11 Uhr einfach in der Frankfurter Straße 44 (zweiter Stock) vorbeikommen.

Die Gründung der Beschwerdestelle begrüßte auch der hauptamtliche Kreisbeigeordneter und Gesundheitsdezernent Hans-Peter Stock. Es sei eine berechtigte Forderung, eine unabhängige Beschwerdestelle einzurichten, meinte er. Er sei froh, dass es diese nun gebe. Er sagte: "Ich bin stolz darauf, dass wir das eingerichtet haben, bevor es durch gesetzliche Maßgaben vorgegeben wurde."

Ab sofort ist der Dienst nutzbar. Man kann sich über ein Telefon mit Anrufbeantworter oder per Post oder auch per E-Mail beklagen.
Die Telefonnummer lautet (0641) 93901439. Die E-Mail-Adresse lautet Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!. Beteiligt sind neben den Mitgliedern der Gruppe "Psychiatrie-Erfahrene", Mitglieder der Angehörigengruppe und von professioneller Seite Dr. Johannes Wilhelm von der UKGM, Dr. Astrid Dalizda von Vitos Gießen-Marburg und der niedergelassene Psychiater Dieter Schneider.

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